Die Sache mit den Zebrafischen …

Meinen Kaninchenartikel durfte ich als Gastkommentar auf Florian Freistetters Blog Astrodicticum simplex veröffentlichen. Nachdem ich von einigen Lesern gefragt wurde, woher man denn nun weiß, ob dem Zebrafisch das Kreuz weh tut, wollte ich mir die schwimmenden Freunde noch einmal näher ansehen. Bitte sehr – hier sind sie:

Brachydanio_rerio

Zebrafische (Danio rerio) gehören zur Familie der Karpfenartigen und sind ursprünglich im Stromgebiet des Ganges in Pakistan, Nordindien und Bangladesch beheimatet. Mittlerweile haben sie Einzug in zahlreiche Aquarien gefunden und sind neben Fruchtfliegen und Fadenwürmern die erklärten Lieblinge der Genetiker und Entwicklungsbiologen. Ihre Embryos entwickeln sich nämlich vollständig außerhalb des Körpers. Angenehmerweise sind sie durchsichtig, sodass die Entwicklung der Larve quasi auf dem Präsentierteller der Forscher abläuft. Man kann einfach zusehen, wie sich Herz, Hirn, Auge und Muskulatur bilden. Als ob das nicht schon Grund genug wäre, sie zu studieren, können sie auch noch Körperteile nachwachsen zu lassen. Nicht nur ihre Flossen – auch der Herzmuskel kann bis zu einem gewissen Grad regeneriert werden. Wie das Wissenschaftsmagazin Science berichtet, haben Kardiologen am Children´s Hospital in Boston Zebrafischen rund 20% ihres Herzmuskels entfernt. Schon eine Woche nach dem Eingriff schwammen die schuppigen Patienten scheinbar völlig unbeeinträchtigt durchs Aquarium. Und 60 Tage nach der Operation hatten die Fischherzen wieder ihre normale Größe, Form und Funktion angenommen.

CSIRO_ScienceImage_7598_larval_zebra
Zebrafischlarve – ganz schön durchsichtig…CSIRO, CSIRO ScienceImage 7598 larval zebraCC BY 3.0

2003 sprang die Aquaristik-Industrie auf den Zebrafisch-Boom auf: Nachdem es gelungen war, die Fische mit einem grün fluoreszierenden Protein (GFP, ein beliebtes Spielzeug von Zellbiologen) zum Leuchten zu bringen, kamen sie in den USA als GloFish auf den Heimtiermarkt. Bei uns ist der Verkauf solcher gentechnisch modifizierten Organismen verboten – und das ist auch gut so!

Unbenannt
Skoliose – die Abweichung von der Geraden. Skoliose-Info-Forum.deSkoliose-Info-Forum.deScoliosis cobbCC BY-SA 3.0

Die Wirbelsäulenforschung interessiert sich deshalb für Zebrafische, weil sie, wie auch manche Menschen, mit zunehmendem Alter eine spontane eine Skoliose, d.h. eine Krümmung in ihrer Wirbelsäule entwickeln. Die hat jetzt nichts zu tun mit der juvenilen Skoliose, die schon viel früher entsteht (und deshalb “idiopathisch” genannt wird, weil wir Mediziner immer noch nicht verstehen, wieso es dazu kommt). Die – ich nenne sie jetzt einmal uncharmant Altersskoliose – beim Zebrafisch erklärt man sich mit einem Verlust an Muskelmasse. Wissenschaftler haben jetzt nachgewiesen, dass die Fische darüberhinaus auch andere degenerative Veränderungen entwickeln, wie sie für den Menschen typisch sind. Die Probanden haben diese Untersuchungen leider nicht überlebt – sie wurden zuerst in Formaldehyd fixiert, danach geröntgt und in den Computertomographen geschoben.

Keine Ahnung ob´s andersrum auch funktioniert hätte… ich erinnere mich vage an mein Embryologie-Praktikum während des Studiums, als wir die Embryonen sediert haben, damit sie uns unterm Mikroskop nicht davonschwimmen konnten. Die Substanzen, die wir damals so frei von der Hand dosiert haben, würden heute wohl strengstens unters Suchtmittelgesetz fallen! Aber die Frage, ob ein Comutertomograph durch ein flüssiges Medium hindurch einigermaßen scharfe Bilder liefern kann, müsste wohl ein Physiker beantworten. Danach wurden die Tiere jedenfalls in kleine und noch kleinere Scheibchen geschnitten und mittels Licht- und Elektronenmikroskopie untersucht.

Erwartungsgemäß hat sich gezeigt, dass das Ausmaß der Wirbelsäulenverkrümmung mit dem Alter zunimmt. Bei einjährigen Fischen ist die Wirbelsäule in der Regel gerade. Mit 2 Jahren wird ein Abweichen von der Geraden häufiger und mit 3 Jahren (das ist die Lebensspanne, die Zebrafische außerhalb des Aquariums erreichen) zeigt fast jeder Fisch irgendeine anatomische Besonderheit an seiner Wirbelsäule. Auch typische Merkmale einer alternden Wirbelsäule, wie Knochenanlagerungen (Osteophyten), kleine Einbrüchen in den Wirbelkörper und Veränderungen am Bandscheibenknorpel können beobachtet werden. Ob das Ganze für die Fische schmerzhaft ist, lässt durch diesen Versuchsaufbau wohl nicht beantworten. Wie überhaupt natürlich Tierversuche für die biomedizinische Forschung ein kontroversiell diskutiertes Thema sind. Andererseits – wenn man die industrielle Massentierhaltung betrachtet, sollte man wohl zunächst einmal den eigenen Fleischkonsum kritisch hinterfragen…

Schnitzelwich
Schnitzelwich„Schnitzelwich“CC BY-SA 4.0

Zum Weiterlesen:

Spinal deformity in ages zebrafish

The history and science behind the glofish

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s